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Festrede des Kommandanten zum Festakt 140 Jahre FF Wien-Breitenlee

Es kommt immer wieder die Frage auf:
Wieso gibt’s in Wien eigentlich noch eine Freiwillige Feuerwehr?

Man kann es sich leicht machen und die Frage mit der Geschichte beantworten:

1880 im damals noch niederösterreichischen Breitenlee gegründet, in der Hoch-Gründungs-Phase der Freiwilligen Feuerwehren sozusagen, das war damals angesagt, cool und auch ein bisschen gesetzlich gefordert – jede Gemeinde hatte für einen ordentlichen Brandschutz zu sorgen.

1938 sind wir dann, in der dunkelsten Zeit Österreichs, in Groß-Wien eingemeindet worden, wie etliche andere Gemeinden – das ging bis nach Orth/Donau, der Bezirk hätte sogar Groß Enzersdorf heißen sollen.

Glücklicherweise haben wir diese dunkle Zeit überstanden und sind dann 1954 nicht wieder zurück gegeben worden an Niederösterreich, sondern verblieben in Wien. So kam es dann 1957 zum Beinamen Freiwillige Feuerwehr Wien-Breitenlee, der übrigens offiziell festgeschrieben in der Wiener Feuerwehr Verordnung ist.

Seit den 1950er Jahren gab es viele Veränderungen: es wurde neues Gerät in Dienst gestellt, das alte Depot in der Mitte des Angers abgerissen und eine neue Wache in den 1970ern am jetzigen Standort etabliert, die dann 2014 runderneuert wurde und heute in voller Pracht erstrahlt und auch den Anforderungen an ein modernes Feuerwehrhaus gerecht wird.

Ich bedanke mich dabei ausdrücklich bei der Berufsfeuerwehr Wien, die für unsere Ausstattung sorgt und auch entgegenkommend ist, wenn es um unsere Wünsche und Bedürfnisse geht – wir sind zwar eine Feuerwehr in Wien, aber doch eine Freiwillige Feuerwehr in Wien.

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Gibt es uns noch nur der Geschichte wegen?

Nein, wir fahren ja auch brav aus!
Schließlich dreht sich bei der Feuerwehr alles um Einsatzbereitschaft, dafür brauchen wir Kameradinnen und Kameraden mit entsprechender Ausbildung und halten uns mit regelmäßigen Übungen fit. Übrigens heuer dank Covid-19 auch erstmalig online – zumindest die Theorie ließ sich damit abdecken.

Nun könnte die Berufsfeuerwehr sehr wahrscheinlich Breitenlee ohne FF Wien-Breitenlee mitbedienen.
Wir nehmen ca. 120 - 150 Einsätze pro Jahr ab, das sind im Vergleich zu 35.000 jährlich eher wenig – obwohl wir für eine FF mit diesem Mannschaftsstand doch viel fahren, so ist die Einsatzbelastung pro aktivem Mitglied in etwa gleich groß wie bei den großen Freiwilligen Feuerwehren Stockerau, Wiener Neudorf oder Korneuburg.

Eines sei dazu aber deutlich gesagt: in einer Großstadt wie Wien ist eine schlagkräftige Beurfsfeuerwehr ein unbestrittenes MUSS!

Und doch sind wir manchmal schneller am Einsatzort, wie bei Verkehrsunfällen mit eingeklemmten Personen oder Bränden. Und das „Tagesgeschäft“ mit den meist unspektakuläreren Einsätzen nehmen wir auch ab.
Auch zur Stelle sind wir, wenn es in Wien größere Ereignisse zu bewältigen gibt:
Unter den Anwesenden Kameradinnen und Kameraden können sich noch einige an den Gerngroß Brand erinnern, mehr noch an den Hofburg Brand und das Hochwasser 2002.

An die Sturmeinsätze und starken Regenfälle der letzten 15, 20 Jahre fast alle.

Letztes Jahr waren wir gleich drei Mal bei Großschadensereignissen im Einsatz: Brand Donauzentrum, Brand Simmering, Gasexplosion Preßgasse.
Auch dieses Jahr bereits drei Mal: Sturm im Februar, Brand Donauzentrum und erst kürzlich waren wir im 20. Bezirk während und nach den starken Regenfällen eingesetzt.

Die eingangs erwähnte Erweiterung der Stadt trifft die FF Wien-Breitenlee auch voll: deutlich mehr Verkehr, deutlich mehr Wohnungen – bereits jetzt.
Und wenn ich an die Stadtentwicklungsgebiete Berresgasse und Hausfeld denke, mit zusammen etwa 4.000 neuen Wohneinheiten und entsprechender Infrastruktur, die beide zur Gänze in unserem Ausrückebereich liegen, kann ich mit Fug und Recht behaupten:
Auch in Zukunft wird uns definitiv nicht fad!

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Wieso also existiert die FF Wien-Breitenlee noch?

Machen wir uns es nicht so einfach:

Weil es engagierte Menschen dahinter gibt, die sich dieser Aufgabe annehmen, die einen Mehrwert in der Sache sehen und sich gerne für Menschen und Tiere in Not einsetzen, getreu dem Motto: Retten-Löschen-Bergen-Schützen.

Wir werden in den kommenden Jahren eine große Anzahl an neuen Mitgliedern brauchen, um die an uns gestellten Aufgaben zu bewältigen.

Es fällt heute allerdings deutlich schwerer als früher, noch Menschen zu finden, die bereit sind, sich auch in einer Stadt für den Dienst an der Allgemeinheit zu verpflichten – einem besonderen Dienst.

Die Aufnahmevoraussetzungen müssen erfüllt sein, die Grundausbildung alleine umfasst 10 Monate in Abendkursen – das alleine ist schon eine Herausforderung für voll im Leben stehende Menschen.

Die Einsatzbereitschaft 24/7 – 24h täglich, 7 Tage die Woche neben Vollzeit Beruf und Familie ist für viele doch abschreckend.

Und ganz nebenbei bemerkt sind wir genauso gesetzlich verpflichtet alles aufzubieten zur Rettung von Menschenleben, auch unter Gefährdung der eigenen Sicherheit, wie die Kameradinnen und Kameraden der Berufsfeuerwehr.

Alle Freiwilligen Feuerwehrleute kennen das, am Feiertag bei der Familienfeier doch nicht teilnehmen können, am Abend nach einem anstrengenden Arbeitstag doch nicht gleich ins Bett zu gehen, oder herrlich tief und fest zu schlafen…

Ganz großer DANK gebührt auch den Familien, die unseren Mitgliedern diese zeitintensive Tätigkeit ermöglichen! Ohne die Bereitschaft in den Familien, diese Tätigkeit mitzutragen, wäre eine Freiwillige Feuerwehr undenkbar!

Für die meisten von uns ist es kein Zufall, dass Feuerwehr und Familie mit dem gleichen Buchstaben beginnen – man kennt sich gut, ist nicht nur sprichwörtlich miteinander durchs Feuer gegangen, kann sich bedingungslos auf den anderen verlassen, spürt, dass immer jemand hinter einem steht.

Wir sind alle bereit, ehrenamtlich mehr zu leisten, die extra Meile zu gehen – auch wenn es schneit, stürmt, aus Kübeln schüttet oder brütend heiß ist.

In gewisser Weise sind Freiwillige Feuerwehrleute auch Role-Models für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, unser Feuerwehrkurat würde dazu Nächstenliebe sagen, unkonfessionell wäre wohl Solidarität entsprechend.

Das bedeutet mit dem Package Freiwillige Feuerwehr bekommt ein Grätzl, Bezirksteil nicht nur Hilfe und Brandschutz „ums Eck“ – unsere Hauptaufgaben, für die wir wirklich viel Freizeit investieren – das möchte ich nochmals betonen.

Sondern man bekommt auch gelebte Menschlichkeit – und das ist eine vollkommen unterschätzte Tatsache!

Die Gemeinde rüstet uns aus, aber diese Kameradinnen und Kameraden schaffen die Voraussetzung dafür, dass die FF Wien-Breitenlee existieren kann, eine Feuerwehr aus Breitenlee für Breitenlee, aus der Donaustadt für die Donaustadt, aus Wien für die Stadt Wien – ohne Gegenleistung, unbezahlt, ehrenamtlich.

 

Es gibt uns noch, weil es gut ist, dass wir da sind!

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